Als Marta das alte Häuschen am Ortsrand kaufte, sah sie vor allem eines: Möglichkeiten. Ein kleiner Garten, viel Sonne, ein Schuppen für Werkzeug. Hier wollte sie endlich ihren Traum verwirklichen, eine winzige Gärtnerei mit Stauden, Kräutern und Rosen. Doch schon im ersten Herbst kam alles anders. Ein heftiger Sturm ließ die alte Gartenmauer einstürzen, und am nächsten Morgen lag ein Berg aus grauen Steinen quer über den frisch angelegten Beeten.
Zwei Wochen später kam der Brief von der Bank. Den Kredit für das Gewächshaus würde es nicht geben, das Vorhaben sei „zu unsicher“. Marta saß lange am Küchentisch und starrte aus dem Fenster auf den Steinhaufen. Er kam ihr vor wie ein Denkmal für alles, was schiefgelaufen war.
Ein Nachbar mit rauen Händen
An einem Samstag stand plötzlich Herr Albrecht am Gartenzaun, ihr Nachbar, ein pensionierter Maurer mit grauer Schiebermütze. Er betrachtete die Trümmer, dann Marta, dann wieder die Trümmer. „Das ist guter Kalkstein“, sagte er. „Den wirft man nicht weg. Daraus baut man etwas.“
Marta lachte bitter. „Ich kann keine Mauer bauen. Ich kann nicht einmal mein Gewächshaus bezahlen.“ Herr Albrecht zuckte mit den Schultern. „Dann fangen wir eben mit dem an, was schon da ist.“ Er zitierte einen Satz, den er angeblich von seinem Lehrmeister hatte und der auf Goethe zurückgehen soll: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“

Von da an trafen sie sich jeden Samstag. Er zeigte ihr, wie man Steine liest, wie man die flachen nach unten legt und die schönen nach außen dreht, wie eine Trockenmauer ohne Mörtel hält, weil jeder Stein den anderen stützt. Marta bekam Blasen an den Händen, aber auch etwas anderes: Sie freute sich wieder auf den Morgen. Statt zu grübeln, sortierte sie Steine, und mit jedem Stein, der seinen Platz fand, ordnete sich auch etwas in ihr.
Was aus dem Steinhaufen wurde
Im Frühling stand die neue Mauer. Sie war niedriger als die alte, dafür geschwungen, mit kleinen Nischen, in die Marta Thymian, Hauswurz und Polsterphlox setzte. Davor pflanzte sie Kletterrosen, die sich bald an den warmen Steinen hochrankten. Spaziergänger blieben stehen, fotografierten die blühende Mauer und fragten, ob man die Pflanzen kaufen könne. Marta stellte einen Tisch ans Tor, dann zwei, dann eine kleine Kasse des Vertrauens.
Ein Jahr später verkaufte sie jedes Wochenende Stauden und Kräuter, und die Leute kamen nicht nur wegen der Pflanzen, sondern auch wegen der Mauer, die inzwischen „Martas Rosenwand“ hieß. Das Gewächshaus baute sie schließlich doch, von ihren eigenen Einnahmen und ganz ohne Bank.
Manchmal sitzt Herr Albrecht nach Feierabend auf der Bank vor der Mauer und klopft zufrieden auf einen der Steine. Marta weiß heute: Der Sturm hat ihr nicht den Traum genommen. Er hat ihr nur das Baumaterial geliefert.
Vielleicht liegt auch vor dir gerade ein Haufen Steine, eine Absage, eine Enttäuschung, ein Plan, der zerbrochen ist. Schau ihn dir in Ruhe an. Nicht jeder Stein ist ein Hindernis. Manche sind der Anfang von etwas, das schöner wird, als du es dir je hättest ausdenken können. Fang mit dem ersten an, der dir in die Hände fällt.
