Frau in hellem Mantel und roten Handschuhen läuft Schlittschuh auf einer sonnigen Eisbahn

Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen: Was ein kleiner Daruma auf dem Eis lehrt

„Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen.“ – japanisches Sprichwort

Ilse war einundsechzig, als ihr Enkel Ben sie zum ersten Mal auf die Eisbahn am Stadtsee mitnahm. Sie hatte zugesagt, ohne nachzudenken, und bereute es schon beim Schnüren der geliehenen Schlittschuhe. Als Mädchen war sie gelaufen, leicht und furchtlos. Doch das war fünfzig Jahre her. Jetzt standen ihre Knöchel wackelig, und die Fläche vor ihr wirkte glatt und endlos.

Nach drei Metern saß sie auf dem Eis. Ein paar Jugendliche lachten, nicht böse, aber laut genug. Ilse spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Das ist nichts mehr für mich“, sagte sie, als Ben ihr aufhalf. Sie setzte sich auf die Bank am Rand, trank einen Tee und sah den anderen zu.

Eine kleine Figur ohne Beine

Am Abend klingelte ihre Nachbarin Yuki, um ein Paket abzuholen. Ilse erzählte vom Sturz, halb lachend, halb beschämt. Yuki hörte zu und kam ein paar Minuten später mit einer kleinen roten Figur zurück, rund wie ein Ei, mit aufgemalten großen Augen. „Ein Daruma“, sagte sie. „Bei uns zu Hause steht er bei vielen auf dem Regal. Stoß ihn an.“

Ilse tippte gegen die Figur. Sie kippte zur Seite und richtete sich sofort wieder auf. Noch einmal, fester. Wieder stand sie. „Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen“, sagte Yuki. „Niemand fragt, wie oft du fällst. Es zählt nur, dass du einmal mehr aufstehst.“

Zwei Menschen in Wintermänteln laufen Schlittschuh auf einem verschneiten, zugefrorenen See im Abendlicht
Foto: Pavel Danilyuk / Pexels

Der Daruma bekam einen Platz neben der Kaffeemaschine. Jeden Morgen sah er Ilse an, und jeden Morgen schien er zu fragen: Und heute? Am Samstag darauf fuhr sie allein zum See. Sie fiel zweimal in der ersten Viertelstunde. Beim dritten Mal blieb sie kurz sitzen, atmete durch und dachte an die kleine rote Figur. Dann stand sie auf.

Was das Eis sie lehrte

Sie kam wieder, Woche für Woche. Ein älterer Eismeister zeigte ihr, wie man die Knie beugt und den Blick nach vorn richtet statt auf die Füße. Ilse lernte, dass Fallen weniger wehtut, wenn man keine Angst davor hat. Und sie merkte, dass die Jugendlichen, die anfangs gelacht hatten, ihr inzwischen zunickten. Einer reichte ihr sogar die Hand, als sie einmal ins Rutschen kam.

Im Februar lief sie mit Ben eine ganze Runde über den See, Seite an Seite, im goldenen Licht der Nachmittagssonne. Ganz ohne Wackeln ging es nicht, aber das war egal. Ben strahlte, und Ilse fühlte sich so lebendig wie seit Jahren nicht mehr. Sie hatte nicht nur das Schlittschuhlaufen wiedergefunden, sondern auch etwas Größeres: das Vertrauen, dass sie Neues lernen konnte.

Vielleicht stehst du gerade selbst vor einer glatten Fläche. Ein neuer Job, eine Prüfung, ein Neuanfang nach einem Verlust. Vielleicht bist du schon gestürzt und fragst dich, ob es sich lohnt, es noch einmal zu versuchen. Dann denk an den kleinen Daruma. Hinfallen gehört dazu, es ist sogar ein Zeichen, dass du dich bewegst. Wer nie fällt, wagt meistens auch nichts. Entscheidend ist nicht der Sturz, sondern der Moment danach, in dem du die Hände aufs Eis legst, dich hochstemmst und weiterläufst. Einmal mehr aufstehen als hinfallen: Mehr verlangt das Leben nicht von dir.

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