„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ – Seneca
Rosa schrieb seit zwanzig Jahren Gedichte. Sie schrieb sie in der Straßenbahn auf dem Weg ins Büro, abends am Küchentisch, manchmal sogar nachts. Die Hefte stapelten sich in einer Schublade, und niemand außer ihr hatte je eine Zeile davon gelesen. „Die sind nur für mich“, sagte sie, wenn ihre Schwester danach fragte. In Wahrheit hatte sie Angst. Angst vor dem Moment, in dem jemand zuhören und nichts empfinden würde.
Im Herbst hing im Café an der Ecke ein handgeschriebener Zettel: „Offene Lesebühne – jeden letzten Freitag im Monat. Fünf Minuten für jeden, der etwas zu sagen hat.“ Rosa las ihn jeden Morgen, wenn sie ihren Kaffee holte. Und jeden Morgen dachte sie: Das ist nichts für mich. Zu laut, zu nah, zu viele Augen.
Die Angst wird größer, je länger man wartet
Die Besitzerin des Cafés, eine ältere Frau namens Hedi, bemerkte ihren Blick. „Sie schreiben, oder?“, fragte sie eines Tages und zeigte auf das kleine Notizbuch, das aus Rosas Tasche ragte. Rosa nickte verlegen. „Dann kommen Sie Freitag. Nicht zum Lesen. Nur zum Zuhören.“
Also ging Rosa hin. Sie setzte sich in die hinterste Ecke und sah zu, wie ein junger Mann mit zitternden Händen einen Liebesbrief vorlas, wie eine Rentnerin eine lustige Geschichte über ihren Kater erzählte, wie ein Schüler bei der dritten Zeile stecken blieb und neu anfing. Niemand lachte ihn aus. Im Gegenteil: Als er fertig war, klatschten alle besonders laut. Rosa merkte, dass sie das Publikum völlig falsch eingeschätzt hatte. Hier saß niemand, der richten wollte. Hier saßen Menschen, die einander zuhören wollten.

Zu Hause las sie einen Satz, den sie einmal auf die erste Seite eines Heftes geschrieben hatte, ein Wort von Seneca: Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. Sie hatte ihn damals schön gefunden. Jetzt verstand sie ihn. Die Bühne war nicht das Problem. Das Problem waren die zwanzig Jahre, in denen sie sich das Hingehen ausgemalt hatte, bis aus fünf Minuten ein Berg geworden war.
Fünf Minuten, die alles verändern
Einen Monat später stand Rosa vor dem Mikrofon. Ihre Knie waren weich, das Papier raschelte in ihrer Hand. Sie las ein kurzes Gedicht über ihre Großmutter, die im Garten Bohnen pflückte und dabei alte Lieder sang. Ihre Stimme wackelte bei der ersten Strophe und wurde bei der zweiten fester. Als sie aufsah, wischte sich eine Frau in der ersten Reihe über die Augen.
Hinterher kam Hedi mit zwei Tassen Kakao an ihren Tisch. „Und?“, fragte sie. Rosa lachte, halb erschöpft, halb glücklich. „Es war schwer“, sagte sie. „Aber nicht so schwer wie das Nichtstun.“
Seitdem liest Rosa jeden letzten Freitag. Die Schublade ist leerer geworden, dafür ist ihr Leben voller.
Vielleicht gibt es auch in deinem Leben so eine Schublade. Ein Lied, ein Bild, ein Traum, den du nur für dich behalten hast, weil der erste Schritt so riesig wirkt. Doch oft ist er nur deshalb so groß, weil wir ihn so lange vor uns herschieben. Wage ihn heute, ganz klein. Das Schwere schrumpft, sobald du anfängst.
